VON DEN ANFÄNGEN DER PÉZ D’ARTGAS SA
Am 9. Dezember 1972 lag nicht viel Schnee, als die zwei Sessellifte in Brigels und Waltensburg und der Skilift von Spinatsch nach Crest Ault zum ersten Mal ihren Betrieb aufnahmen. Zeuge der Startstunde der Transportanlagen der Péz d’Artgas SA ist eigentlich nur noch die verwaiste Talstation des Skilift Spinatsch. Die Liftanlage selbst wurde 2007 abmontiert, andere Anlagen wurden ersetzt und viel Neues ist in den letzten mehr als 50 Jahren dazugekommen; Zeichen einer eindrücklichen Entwicklung des Bergbahnunternehmens. Die Herausforderungen, ein solches Unternehmen zu führen und weiterzuentwickeln, sind dieselben geblieben.
DIE ERSTEN BEMÜHUNGEN
Im Januar 1969 erfolgten die ersten Anstrengungen, dem Wintersport in Brigels, Waltensburg und Andiast Auftrieb zu geben. Damals trafen sich verschiedene Vertreter der drei Gemeinden, um ein Projekt für touristische Transportanlagen auf die Beine zu stellen. Treibende Kraft hinter dieser ersten Zusammenkunft am 4. Januar 1969 im Lehrerzimmer vom Schulhaus Waltensburg, war der Verkehrsvereinspräsident von Waltensburg, Gieri Pfister. Konkrete Ideen entstanden. Anfangs 1970 wurde die Bevölkerung der drei Gemeinden und weitere Kreise eingeladen, Aktien für das kurz vor der Gründung stehende Unternehmen zu zeichnen, wie aus dem Zeichnungsprospekt zu entnehmen ist. Die Einladung zur Aktienzeichnung enthielt Angaben zu den geplanten Transportanlagen und zur weiteren Entwicklung des Unternehmens, ergänzt mit konkreten Angaben zur Finanzierung und zu der erwarteten Rendite. Von Anfang an bestand die Idee, das Skigebiet am Fusse des Péz d’Artgas von zwei Seiten zu erschliessen. Mit einem Sessellift von Brigels nach Burleun und einem Sessellift von Waltensburg/Curtginet nach Parli. Ebenso ein Skilift von Spinatsch nach Crest Ault. Das Land für die Parkplätze an den Talstationen war gesichert. Der Zeichnungsprospekt skizzierte ein Skigebiet mit einer Höhendifferenz von 1200 bis 1300 Meter und von etwa 25 bis 30 Pistenkilometer. Es bestand die Absicht, das Skigebiet etappenweise auszubauen: «Mit einem Skilift von Alp Dado nach Fernata und einem zweiten vom Miret bis zum Fil.» Als dritte Ausbauetappe sahen die Initianten einen Sessel - oder Kabinenlift von Burleun nach Las Fuortgas vor. Die Ausbauetappen wurden schlussendlich mit einigen Anpassungen auch realisiert. Zurückhaltend waren die Initianten bezüglich der Gastronomie; es waren lediglich einige Restaurant- Provisorien vorgesehen.
DREI MILLIONEN STARTKAPITAL
Angestrebt wurde ein Aktienkapital von zwei Millionen Franken, das zusammen mit einer Million Fremdkapital genügen sollte, die drei Transportanlagen zu bauen. Die Initianten rechneten mit Einnahmen von etwa 500 000 Franken und einem bescheidenen Gewinn von 40 000 Franken. Ins Auge sticht die Summe von 60 000 Franken, welche jährlich für die Verzinsung aufzubringen waren. Bescheiden waren aus heutiger Sicht die vorgesehenen Preise für die Tageskarte von 15 Franken und 180 Franken für ein Saisonabonnement. Kinder und Militärangehörigen wurde eine 50 % Preisreduktion zugesprochen.
RESTAURATIONEN
Für die verschiedenen Restaurantprovisorien waren nur 100 000 Franken vorgesehen. Die Restaurantfrage wurde an der Gründungsversammlung angesprochen. Aus der Mitte der Versammlung kam die Frage, ob es nicht Sinn machen würde, an den jeweiligen Bergstationen der Sessellifte je ein Restaurant zu bauen, auch um mehr Einnahmen zu generieren. Gemäss Protokoll antwortete der Chef der technischen Kommission Alexi Cahannes, dass sich das Initiativkomitee intensiv mit dieser Frage auseinandergesetzt habe. «Im Hinblick auf die finanzielle Situation müssen wir im Moment darauf verzichten.» Cahannes hat aber darauf hingewiesen, dass das Aktienkapital bereits überzeichnet sei und somit die Chance bestehe, trotzdem ein Restaurant zu bauen. Das Restaurant Burleun ging schon im ersten Jahr in Betrieb und an der Bergstation Parli wurde ein Provisorium in einer bestehenden Berghütte realisiert. Diese Hütte wurde zwei Jahre später ein Raub der Flammen und man zog provisorisch in die Alphütte Alp Dado.
DAS INITIATIVKOMITEE
Ersichtlich wird aus dem Zeichnungsprospekt auch, wer hinter den Bemühungen stand, ein Skigebiet in den drei Gemeinden zu realisieren. Die Einladung zur Aktienzeichnung stellte die Mitglieder des Initiativkomitees vor. Es waren die damaligen Gemeindepräsidenten von Andiast, Martin Antoni Derungs, Eusebius Friberg aus Brigels und Gion Gabriel aus Waltensburg. Ebenfalls dabei waren Ständerat Gion Clau Vincenz aus Andiast und Alt-Ständerat Gion Darms. Die Kreispräsidenten Peter Janki (Cumin Rueun) und Leo Friberg (Cumin dalla Cadi), die Verkehrsvereinspräsidenten Aluis Livers aus Brigels, Gieri Pfister und Gemeinderat Peter Cadonau aus Waltensburg. Aus Brigels Ingenieur Fritz Pfister und Bauunternehmer Faustin Carigiet, sowie Alfred Müller und Alexi Cahannes. Für das Bauvorhaben setzten sich auch Heini Caduff, Leiter der Skischule Flims ein, aus Andiast Balzer Spescha, Casper Vincenz und Maurus Vincenz, sowie der Jurist Merens Cahannes und der Technikchef des Bündner Skiverbandes, Hans Danuser, aus Arosa. Von den damaligen Initianten kann einer das 50-jährige Bestehen der Bergbahnen feiern, nämlich Marcus Vincenz aus Andiast. Vor 50 Jahren war Marcus Vincenz noch nicht einmal 20-jährig und er kann sich an eine oder zwei Sitzungen des Initiativkomitees erinnern. «Zu dieser Zeit war ich Kassier der Uniun Sportiva Andiast.» Und gemeinsam mit Casper Vincenz hat Marcus Vincenz die sportlichen Interessen des Andiaster Sportvereins im Initiativkomitee vertreten. In seinen Erinnerungen waren Gion Clau Vincenz und Fritz Pfister die treibenden Kräfte für das neue Skigebiet. Fritz Pfister wurde an der Gründungsversammlung der Péz d’Artgas SA am 18. Dezember 1971 einstimmig zum ersten Verwaltungsratspräsidenten gewählt; das Amt hat später Gion Clau Vincenz während vieler Jahre ausgeführt. Grosse Diskussionen hat es gemäss Protokoll der Gründungsversammlung nicht gegeben. Gion Clau Vincenz bedankte sich unter den zahlreichen Anwesenden vor allem bei den drei Gemeindepräsidenten für Ihre Idee, gemeinsam ein regionales Projekt auf die Beine zu stellen. «Ich bin überzeugt, dass das neue Unternehmen mit Zuversicht in die Zukunft blicken kann.» Gion Clau Vincenz sieht gute Chancen für die einheimische Bauwirtschaft und die Gastronomie, um von den Bergbahnen und dem Wintertourismus profitieren zu können. «Um die Abwanderung in den drei Gemeinden zu stoppen.»
DER ANFANG MIT EINER PISTENMASCHINE
Als erster Geschäftsführer der Bergbahnen Péz d’Artgas SA wählte der Verwaltungsrat David Spescha aus Andiast. Der gelernte Maschinenmechaniker übernahm seine neue Aufgabe im Mai 1972. Zuerst musste er sich bei der Seilbahnfirma Städeli in Oetwil am See in die Seilbahntechnik einarbeiten, bevor er bei der Montage der Anlagen behilflich sein und sich den Vorbereitungen der ersten Skisaison widmen konnte. Er erinnert sich noch heute sehr genau an die anspruchsvolle Aufgabe. «Ich hatte kein Gefährt und musste allfällige Transporte mit meinem eigenen Auto ausführen.» Sein erster Mitarbeiter kam im Laufe des Sommers dazu. Es war Bruno Cadonau aus Waltensburg, der gleich auch zum ersten Pistenchef erkoren wurde. Mit einer Pistenmaschine, die er und David Spescha gemeinsam gefahren sind. Einer bei Tag und der Andere bei Nacht. Rettungschef wurde Ludivic Maissen aus Brigels, wohl der treueste Angestellte der Bergbahnen, der seine Rettungsaufgabe während 30 Jahren ausgeführt hat, mit geschätzten tausend Rettungseinsätzen. Insgesamt hat Ludivic Maissen 40 Jahre für die Bergbahnen gearbeitet. Für David Spescha war die Kommunikation im ersten Betriebsjahr ein Problem. Die jeweiligen Tal- und Bergstationen waren über eine eigene Telefonleitung verbunden. «Sonst standen uns nur drei Funks zur Verfügung.»
SPÄTER SCHNEE
Und der Schnee kam spät, nach Mitte Januar 1973. «Wir waren bis dahin die ganze Zeit damit beschäftigt, Schnee in das Lifttrasse vom Spinatschlift zu schütten, damit die Skifahrer Crest Ault erreichen konnten. Wie sie nach unten kamen, mussten sie selbst schauen», erinnert sich David Spescha. «Der Maulesel von Stanislaus Cathomas hat uns in dieser Zeit wertvolle Dienste erwiesen.» Irgendwann ist der Schnee trotzdem gekommen und mit diesem auch die Gäste. Nach zehn Jahren zog Gion Clau Vincenz, der damalige Verwaltungspräsident der Bergbahnen in der Jubiläumschrift eine positive Bilanz, auch wenn die ersten Jahre sich als schwierig erwiesen. Er war dennoch überzeugt, dass die bei der Gründung angepeilten Ziele erreicht wurden. Der damalige Geschäftsführer Stefan Grisch hat die grossen Investitionen der ersten zehn Jahre angesprochen, die wegen der Rezession der Jahre 1975/76 zu Liquiditätsprobleme geführt haben. «Es waren Jahre mit wenig Schnee und die Banken waren ziemlich restriktiv mit der Kreditvergabe.» Doch es sind auch wieder bessere Jahre gekommen, die den Bergbahnen grosse Gewinne beschert haben.
Eine ausführlichere Reportage zum Jubiläum der Bergbahnen Brigels /Waltensburg/Andiast AG erschien im Calender per mintga gi 2023. Andreas Cadonau